Fragen, Antworten und Erfahrungsberichte zur Skoliose-OP

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 Ungelesener BeitragVerfasst: 28. April 2016 11:04     Betreff des Beitrags: Interview: "Nicht der Schmerz, die Angst ist das Problem."
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Interview: "Nicht der Schmerz, die Angst ist das Problem."


Gut 23 Millionen Deutsche leiden unter chronischen Schmerzen. Dr. Dominik Irnich, Leiter der Schmerzambulanz der Universität München, erklärt im NetDoktor-Interview, warum manche anfälliger sind für chronische Schmerzen als andere.

Herr Dr. Irnich, wie viel Schmerz muss man aushalten können?

Schmerz gehört zum Leben dazu, an diesen Gedanken muss man sich gewöhnen. Das Entscheidende ist, dass man ihn auch gut aushalten kann, wenn er einem keine Angst macht. Nehmen Sie zum Beispiel den Fußballspieler, der sich verletzt und trotzdem weiterspielt. Der will unbedingt ein Tor schießen und rennt weiter, obwohl er vielleicht schlimme Schmerzen hat. Er kann ihn in dem Moment trotzdem gut ertragen. Anders sieht es aus, wenn man nicht weiß, woher der Schmerz kommt und das einem Angst macht.

Und das ist bei chronischen Schmerzpatienten ein Problem?

Ja, bei chronischen Schmerzpatienten findet sich oft keine eindeutige Ursache für die Schmerzen. Oder sie haben erlebt, dass scheinbar ein Grund für die Schmerzen gefunden wurde, etwa die Bandscheibe. Doch, obwohl diese behandelt wurde, bleibt der Schmerz. So etwas verunsichert: „Könnte es doch eine schwere Krankheit sein?". Die Sorge wiederum verstärkt den Schmerz. Nicht der Schmerz, die Angst ist häufig das Problem.

Was tut man, um zu verhindern, dass Schmerzen chronisch werden?

Wichtig ist erst einmal, einen Akutschmerz – der etwa durch eine Verletzung ausgelöst wurde – gut zu behandeln. Denn sonst kann sich ein Schmerzgedächtnis bilden. Das bedeutet, der Akutschmerz hinterlässt Spuren im Nervensystem. Es „erinnert“ sich an den Schmerz, auch wenn der Auslöser schon längst behoben ist. Das Problem ist: Wir wissen noch nicht genau, warum sich bei manchen Menschen aus einem Akutschmerz ein chronischer Schmerz entwickelt und bei anderen nicht.

Was könnte dabei eine Rolle spielen?

Wichtige Faktoren sind psychologische, aber auch soziale Vorbelastungen. Ist jemand etwa für seinen Lebensunterhalt auf sein Knie angewiesen, beispielsweise ein Profisportler, und verletzt sich dort, dann hat dieser Schmerz eine besondere Bedeutung. Er chronifiziert leichter als bei jemandem, für den eine solche Verletzung weniger existenzbedrohend ist. Ganz allgemein begünstigen innere Faktoren wie unterdrückte oder nicht bearbeitete Gefühle und soziale Bedingungen, insbesondere Arbeitsplatzfaktoren, dass Schmerzen chronisch werden.

Wie meinen Sie das?

Wenn zum Beispiel ein Patient mit einem Verdacht auf eine bösartige Erkrankung operiert wird, und er bekommt das Ergebnis erst nach ein paar Tagen mitgeteilt, dann vermischt sich die Angst mit dem Operationsschmerz. Das kann fördern, dass Schmerzen stärker erlebt werden und sich möglicherweise festsetzen.

Ähnliches weiß man von falsch-positiven Befunden, etwa bei Brustkrebs.

Richtig, auch wenn das Ergebnis korrigiert wird, hinterlassen die durchlittenen Emotionen Spuren beim Patienten – auch in seinem Schmerzempfinden. Welche große Rolle die Psyche spielt, sieht man auch am wichtigsten Chronifizierungsfaktor, dem Arbeitsplatz: Wer sich hier nicht wohl oder wertgeschätzt fühlt, ist anfälliger für chronische Schmerzen.

Wird das auch bei der Therapie berücksichtigt?

In der Routineversorgung beim Nicht-Spezialisten häufig nicht. Chronische Schmerzen zu diagnostizieren und zu behandeln, ist immer sehr komplex. Leider wird meist nur die somatische, also die körperliche Ebene betrachtet. Dies kann zu unnötigen Eingriffen, falschen Erklärungsversuchen mit Fixierung auf die körperliche Ursache und Dauermedikation mit Schmerzmitteln führen – das ist nicht unbedingt erfolgreich, vor allem langfristig nicht.

Weil die Psyche nicht genügend einbezogen wird?

Ja, auch deshalb. Chronischer Schmerz hängt immer auch mit der Psyche, also inneren Faktoren zusammen. Eine gute Schmerztherapie bezieht Körper und Seele mit ein. Das nennen wir den sogenannten multimodalen Ansatz. In speziellen Einrichtungen analysiert ein ganzes Team von Experten den Patienten bei der Erstuntersuchung aus verschiedenen Blickwinkeln. Neben spezialisierten Ärzten sind auch Psychologen und Physiotherapeuten beteiligt. Gemeinsam wird eine Diagose gestellt und ein individuelles Behandlungskonzept entwickelt. Neben sinnvollen Therapien geht es darum, den Betroffenen zu aktivieren und zu motivieren, etwas für sich selbst zu tun – so verbessern wir wieder die Lebensqualität.

Das klingt sehr aufwendig – kann ein Hausarzt das überhaupt leisten?

Ich denke in Grundsätzen ja, allerdings mehr im Sinne einer Langzeitbegleitung. Es gibt ein paar Grundregeln im Umgang mit Schmerzpatienten, und es ist ärztliche Kunst gefragt. Ein Arzt kann schnell Hinweise gewinnen, dass der Patient unter chronischen Schmerzen leidet, die nicht mal eben mit einer Spritze beseitigt werden können.

Worauf muss man da achten?

Aufmerksam sollte man werden, wenn jemand berichtet, der Schmerz sei immer gleich und durch nichts zu beeinflussen. Ein weiterer Hinweis auf Chronifizierung ist der ständige Wechsel von Ärzten oder Therapien und immer wiederkehrende Diagnostik – also zum Beispiel der dritte MRT-Termin, obwohl schon die ersten beiden Male ohne Befunde waren. Außerdem ist es wichtig, innere und äußere Belastungsfaktoren, wie Gefühle, psychische Belastungen, Beruf oder Freizeitverhalten mit abzufragen. Dazu sind natürlich eine vertrauensvolle Arzt-Patientenbeziehung und Zeit nötig. Es lohnt sich aber, diese Zeit am Anfang zu investieren: Das erspart unnötige Maßnahmen und damit auch wieder Zeit.

Viele Menschen schwören ja inzwischen auf Yoga. Hilft das auch bei Schmerzen?

Yoga, aber auch Tai-Chi und Qigong aktivieren auf sanfte Art. Das Bewegungssystem benötigt Flexibilität, Spannkraft, Koordination und Körperbewusstsein. Die entsprechenden Übungen fördern das. So wird ohne unerwünschte Nebenwirkungen, wie man sie etwa von Schmerzmitteln kennt, auch das Schmerzhemmsystem des Körpers trainiert, man ist Schmerzen gegenüber dann weniger empfindlich. Wichtig ist: Wir sprechen hier von medizinischen Anwendungen, nicht von Lifestyle oder Wellnessanwendungen. Die sind zwar auch schön, hilft aber unseren Patienten nicht.

Wie lange haben Patienten im Schnitt schon Schmerzen, wenn sie zu Ihnen kommen?

Sehr lange – ungefähr zwölf Jahre. Sich so lange zu quälen, das muss nicht sein! Ich kann nur an alle, die länger unter Schmerzen leiden, appellieren, sich an einen Schmerzspezialisten zu wenden.

Was sagen Sie solchen Langzeitpatienten?

Ich kann ihnen Hoffnung machen. Schmerzen lassen sich auch nach vielen Jahren noch erfolgreich behandeln. Vielleicht verschwinden sie nicht ganz, aber man kann sich sehr viel Lebensqualität zurückerobern. Es gibt eine Kraft, die in uns steckt - und die ist stärker als der Schmerz. Die müssen wir mobilisieren.

Quelle:  http://www.netdoktor.de/magazin/nicht-d ... _content=1

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Es gehört zu den großartigen Belohnungen dieses Lebens,
dass man mit jedem aufrichtigen Versuch,
anderen zu helfen, sich selber hilft.




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