Fragen, Antworten und Erfahrungsberichte zur Skoliose-OP

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 Ungelesener BeitragVerfasst: 23. März 2018 10:12     Betreff des Beitrags: Bis auf die Knochen
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Diagnose: Massive li.-konv. Torsionsskoliose; Facettenarthrose L3/4 und L4/5; Osteochondrose; seitl. Spondylose und Dornfortsatzarthr. L4/5; LWS 64°, BWS 25°
Therapie: 2 OPs Sept. 03 in Neustadt; versteift von TH11 bis L5 (HZI und MPDS); Restkrümmung LWS 18°
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Bis auf die Knochen


Andrea Meurer verschränkt die Arme. Stirnrunzelnd tritt sie einen Schritt näher. Die Direktorin der Orthopädischen Uniklinik Friedrichsheim kann eigentlich so schnell nichts aus der Fassung bringen. Als sie dieses Skelett betrachtet, liegt jedoch so etwas wie Mitleid in ihrer Mimik. „Das überlebt keiner“, sagt sie und beginnt, die Verletzungen, Krankheiten und Fehlstellungen aufzuzählen, die sie an den Knochen entdeckt. Ein falsch verheilter Oberschenkelhalsbruch, von Tumoren zerfressene Knochen, Rachitis. „Hier sind alle Highlights typischer Knochenerkrankungen zu sehen“, stellt sie fest. „Zumindest hatte er gute Zähne."

Das Skelett stammt freilich nicht von einem vielfach maladen Patienten – es wurde aus den Knochen mehrerer Menschen zusammengesetzt. Im Orthopädischen Museum der Uniklinik gehört es zu den auffälligsten Ausstellungsstücken. Nach einem Wasserschaden hatte das Museum im vergangenen Jahr umziehen müssen. Hinaus aus dem Keller der Klinik, hinein in einen helleren Raum nahe dem Eingang. Auf knapp 100 Quadratmetern sind Objekte aus 300 Jahren Orthopädiegeschichte zu sehen.

„Es entwickelt sich in der Orthopädie so viel“

Für Meurer ist es ein Ort, der den Fortschritt dokumentiert. „Manches kommt heute gar nicht mehr vor“, sagt sie und deutet auf einen großen Lederschuh, der noch vor weniger als 50 Jahren Patienten mit Klumpfuß verordnet wurde. „Als ich vor 25 Jahren mit meiner Arbeit anfing, wurde diese Fehlstellung der Füße noch in einem aufwendigen Verfahren operiert." Viel früher, in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, habe man einen Klumpfuß in eine sogenannte Umpresszwinge eingespannt, gedreht und gebrochen, um ihn in die richtige Stellung zu zwingen. „Und das zu einer Zeit, in der die Narkosen noch nicht verlässlich funktionierten, gruselig ist das“, sagt Meurer. Heute werde die meist angeborene Fehlstellung direkt nach der Geburt durch Gipsverbände korrigiert. So soll der Fuß sachte in die richtige Position gebracht werden. „Wie eine Zahnspange für die Füße“, erklärt die Professorin. „Es entwickelt sich in der Orthopädie so viel, das ist enorm."

Neue Materialien, neue Verfahren, neue Behandlungsmethoden. „Die Grundprinzipien der Korrektur und des Muskeltrainings sind geblieben. Aber die Methoden und Materialien haben sich massiv verändert“, sagt die Direktorin der Klinik. Ein Schaukasten mit Beinprothesen zeigt dies eindrucksvoll. Zwischen dem steifen Holzbein und der Hightech-Prothese liegen etwa 100 Jahre.

Rückengymnastik mit Stil

Die Tür zum Museum geht auf, ein paar Besucher betreten den Raum. Es sind Patienten, die zur Untersuchung in die Orthopädische Universitätsklinik gekommen sind. Vor den Vitrinen überbrücken sie die Zeit bis zu ihrem Termin. Anfänglich skeptisch, sind sie bald schon fasziniert. Weil das, was in dem Museum, das von einem Trägerverein, der Stiftung Friedrichsheim und der Orthopädischen Universitätsklinik finanziert wird, manchmal wundersam vertraut erscheint. Der medizinische Apparat zur Kräftigung der Rumpfmuskulatur beispielsweise erinnert an Geräte, die heute in jedem Fitnessstudio stehen. „Nur tragen die Sportler heute nicht Anzug und Weste“, scherzt Meurer und deutet auf eine Abbildung aus dem Jahr 1897. Rückengymnastik hatte damals eben noch Stil.

Erschreckend sind dagegen die stark deformierten Skoliose-Skelette in einem weiteren Schaukasten. Die Wirbelsäule ist so verkrümmt, dass der Körper in sich zusammenzufallen droht. „Das gibt es heute gar nicht mehr“, sagt Meurer. Bei den verpflichtenden Früherkennungsuntersuchungen für Kinder werde stets auf die Stellung der Wirbelsäule geachtet. Später, in der Pubertät, wenn der nächste Wachstumsschub anstehe, würden in vielen Schulen „Rücken-Screenings“ angeboten. „Zwölfjährige zeigen sich ihren Eltern häufig nicht mehr offen." Darum sei es besonders wichtig, einen Arzt hinzuzuziehen, um eine Skoliose im Frühstadium zu erkennen. Meurer will künftig auch mit ihren Studenten durch die Ausstellung gehen, um ihnen bewusstzumachen, dass Medizin nie stillstehen dürfe, sondern immer fortschreiten müsse. Und Fortschritt bedeute manchmal eben Risiko. Die Orthopädin deutet auf eine Bluttransfusionsmaschine aus dem Jahr 1930. Rechts wurde der Empfänger angeschlossen, links der Spender. Die Direktspende habe neue Operationsmöglichkeiten eröffnet – aber auch Leben gekostet. Denn damals habe man die Risiken von Blutübertragungen noch nicht vollständig verstanden.

Faszinierend findet die Direktorin eine weitere Maschine. Sie steht noch im Keller der Klinik, soll aber bald einen Platz in der Ausstellung bekommen. Es ist eine Eiserne Lunge. Sie war das erste klinische Gerät, das eine maschinelle Beatmung ermöglichte. Die Druckkammer wurde seit 1929 hergestellt. Patienten mussten sich in den Apparat legen. Mit Über- und Unterdruck wurde die Lungenfunktion aufrechterhalten. Häufig mussten Patienten mit Kinderlähmung in der Eisernen Lunge behandelt werden. Viele litten unter einer Schwäche der Atemmuskulatur. Kinderlähmung, auch Polio genannt, komme inzwischen so gut wie gar nicht mehr vor. „Heute gibt es die Schluckimpfung“, sagt die Chefärztin.

Der Fortschritt in der Orthopädie wird in diesem Raum sichtbar. Und doch freut sich Meurer besonders darauf, den Besuchern bald in einer eigenen Vitrine ein Exponat präsentieren zu können, das auf die Wurzeln ihrer Disziplin verweist. Es ist die Originalausgabe des Buchs „Orthopaedia“ von Nicolas Andry, der den Namen des Fachs im Jahr 1741 geprägt hatte. Er verglich den Orthopäden mit dem Gärtner, der ein krummes Bäumchen an einen Pfahl bindet. Dieses Bild ist seither das Standessignet aller orthopädischen Fachgesellschaften.

Quelle:  http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/f ... 30053.html

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dass man mit jedem aufrichtigen Versuch,
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